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Macht Fernsehen asozial?

Es scheint Zusammenhänge zwischen dem Fernsehkonsum im Kindesalter und späteren Persönlichkeitsstörungen von Erwachsenen zu geben. Außerdem prägen die TV-Gewohnheiten der Eltern die der Kinder.

Kann man Kinder guten Gewissens vor den Fernseher setzen? Und wie lange und wie oft? Solche Fragen stellen sich viele Eltern. Sie sind verunsichert, nicht zuletzt, weil die Medien berichten, dass täglicher Fernsehkonsum im Kindesalter eine kriminelle Karriere im Erwachsenenalter begünstigt.

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Eine bemerkenswerte Studie zu diesem Thema wurde in dem kleinen Ort Dunedin in Neuseeland durchgeführt. Dort beobachteten Forscher der ortsansässigen Universität über 1000 Kinder der Jahrgänge 1972 und 1973. Bis zu ihrem 26. Geburtstag wurden sie in Abständen von 24 Monaten zu ihren Lebensumständen – unter anderem zum Fernsehkonsum – befragt. Am Ende der Studie erstellten die Wissenschaftler ein psychologisches Profil aller Teilnehmer und verglichen ihr Vorstrafenregister.

Diese Daten wurden jetzt erneut in einer umfangreichen Analyse ausgewertet. Diejenigen jungen Erwachsenen, die als Kinder und Jugendliche mehr Zeit vor dem Fernseher verbracht hatten, zeigten häufiger asoziale Persönlichkeitsstörungen, waren aggressiver und begingen mehr Straftaten. Knapp ein Fünftel der jungen Männer, die als Kinder weniger als zwei Stunden pro Tag ferngeschaut hatten, waren straffällig geworden. Bei denen, die mehr als drei Stunden Fernsehkonsum angegeben hatten, lag der Anteil der Vorbestraften bei 34 Prozent. Die Fachzeitschrift „American Academy of Pediatrics“ empfahl kurz nach Veröffentlichung dieser Ergebnisse, die Fernsehzeit für Kinder auf eine bis maximal zwei Stunden zu begrenzen.

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Henne oder Ei?

Die Aussagen dieser Ergebnisse sind aber nicht eindeutig. Werden Erwachsene kriminell, weil sie als Kind zu viel fernsahen, oder werden Kinder, die oft fernsehen, vielleicht generell weniger umsorgt, was ein späteres Abrutschen in die Kriminalität erklären könnte? Die Studie beantwortet diese Frage nicht, liefert aber wichtige Hinweise auf problematische Zusammenhänge.

Unbestritten ist: Kinder, die oft vor dem Fernseher sitzen, haben weniger Zeit, draußen zu spielen, mit anderen Kindern Kontakte zu knüpfen oder Zeit mit den Eltern zu verbringen. Außerdem haben Kinder, die viel fernsehen, überdurchschnittlich oft Übergewicht. Dies alles beeinflusst die Persönlichkeitsentwicklung.

TV-Verhalten der Eltern prägt die Kinder

Wie aber dosiert man das Fernsehen, das heute auf durchschnittlich 80 Kanälen pausenlos sendet? Der deutsche Medienexperte Thomas Feibel spricht sich in einem Interview für die Süddeutsche Zeitung dafür aus, Kinder unter fünf Jahren überhaupt nicht fernschauen zu lassen. Er empfiehlt Eltern, auch darauf zu achten, dass Kleinkinder nicht bei den älteren Geschwistern heimlich „mitgucken“. Der Medienwissenschaftler glaubt aber vor allem, dass Eltern eine wichtige Vorbildfunktion haben in Bezug auf das Fernsehverhalten. Kinder nehmen sehr bewusst wahr, welche Rolle der Fernseher für die Erwachsenen spielt. Wenn die Eltern sagen, zu viel Fernsehen sei schädlich, selbst aber den Bildschirm permanent flimmern lassen, werden Kinder dieses Verhalten meist übernehmen.

Für ältere Kinder und Jugendliche befürwortet Feibel eine zeitliche Begrenzung des TV-Konsums, wobei er sogenannte Bildschirmzeiten empfiehlt, die auch den Computer einschließen und sich im Rahmen von einer Stunde täglich bewegen sollten.

Neben der Frage nach der Dauer ist natürlich auch wichtig, was die Kinder gucken und ob man sie allein vor dem Fernseher parkt oder die Familie sich ein gemeinsames TV-Erlebnis mit dem Lieblingsfilm bereitet. Auch das beeinflusst die psychischen Auswirkungen des Fernsehens – vermutlich sogar mehr als das reine Zählen der Minuten.

Zahl der Fernsehsender, die in deutschen Haushalten 2012 durchschnittlich zu empfangen waren: 80
Zahl der Pay-TV-Sender in Deutschland: 68

Durchschnittliche Fernsehdauer pro Tag
In der Dunedin-Studie befragte Mädchen: 2,24 Stunden
In der Dunedin-Studie befragte Jungen: 2,4 Stunden
Kinder zwischen 10 und 13 Jahren in Deutschland im Jahr 2009: 1,7 Stunden
Kinder zwischen 3 und 5 Jahren in Deutschland im Jahr 2009: 1,2 Stunden
Kinder zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland im Jahr 2010: 2 Stunden

Anteil der 6- bis 13-jährigen, die in Deutschland im Jahr 2012 ein eigenen Fernsehen besaßen: 36%
Anteil der Mädchen in Deutschland, deren Idole aus dem Fernsehen stammen: 44%
Anteil der Jungen in Deutschland, deren Idole aus dem Fernsehen stammen: 33%
Anteil der Kinder in Deutschland, die auf den Fernsehen am wenigsten von allen anderen Aktivitäten verzichten könnten: 57%


(KIM-Studie 2012, Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-jähriger)
www.mpfs.de/fileadmin/KIM-pdf12/KIM_2012.pdf

Empfehlungen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM)

Die in Studien ermittelten durchschnittlichen Fernsehnutzungszeiten der 6- bis 13-Jährigen bezeichnet das BPJM als entschieden zu lang. Folgender Fernsehkonsum wird für die Entwicklung von Kindern als unbedenklich angesehen:
4- bis 5-Jährige: maximal 30 Minuten
6- bis 9-Jährige: ca. fünf Stunden pro Woche
10- bis 13-Jährige: keine klaren Zeitvorgaben, eine schrittweise Erhöhung der Sehzeiten und eine Ausweitung der Programminhalte ist aber möglich, unter Berücksichtigung der Programminteressen anderer Familienmitglieder

Buchtipps: Thomas Feibel. Kindheit 2.0 – So können Eltern Medienkompetenz vermitteln. Stiftung Warentest, Berlin 2009 Thomas Feibel. Crashkurs Kind und Fernsehen. Klett, Stuttgart 2005