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Die Milch macht´s – stimmt das?

Muttermilch ist optimal auf die Bedürfnisse der Babys in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt ausgerichtet. In dieser Zeit wachsen die Kinder stark und entwickeln sich enorm  -– dafür enthält  die Milch alle notwendigen Bestandteile. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern für jede Säugetierart. Jedoch unterscheidet sich die Zusammensetzung der menschlichen Milch von der anderer Säugetiere wie Kühe, Schafe oder Ziegen zum Teil erheblich. So enthält Humanmilch einen höheren Gehalt an Proteinen mit immunologischer Funktion (wichtig für die unspezifische Abwehr), die  Kuhmilch hingegen mehr Proteine mit direkt antibakterieller Wirkung. Wahrscheinlich sind diese Unterschiede durch die spezifischen Bedürfnisse des Säuglings bzw. des Kalbs begründet.

Während die wichtige Rolle der Muttermilch unbestritten ist, sind sich die Wissenschaftler bei der Einschätzung der Vor- und Nachteile des Konsums von Fremdmilch nicht einig. 

Das verwundert zunächst, denn Kuh- und andere Milch wird seit Jahrhunderten von den Menschen getrunken. Einige sind zwar laktoseintolerant, das heißt, bei ihnen wird nach dem Säuglingsalter das für die Verdauung des Milchzuckers notwendige Enzym nicht mehr gebildet, für alle übrigen sollte Milch jedoch gesund sein. 

Doch gerade dies wird in einer aktuellen Studie1 der Universität Osnabrück infrage gestellt. Die Wissenschaftler stellen die Hypothese auf, dass aus evolutionärer Sicht (Kuh-)Milchkonsum für den Menschen neu  und nicht die beste Wahl ist. Milch sei nicht ausschließlich ein Nahrungsmittel, sondern vor allem ein aktives Signalsystem, das nachhaltig in die Hormonregulation und in das Wachstum des Körpers eingreift. 

Im Mittelpunkt der Betrachtung steht ein Proteinkomplex, der durch Milchprodukte beeinflusst wird. Dieser Proteinkomplex hat eine wichtige Funktion beim  Zellwachstum sowie bei der Steuerung des Zellzyklus. Dies ist in der frühkindlichen Entwicklungsphase nötig und sinnvoll, nicht jedoch im späteren Lebensalter. Dann steht nach der Hypothese der Wissenschaftler die überhöhte Aktivierung dieses Proteinkomplexes durch täglichen Konsum von Milchprodukten in unmittelbarem Zusammenhang mit Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes und Tumoren, speziell Prostatakrebs. 

Demgegenüber heben Wissenschaftler aus Auckland, Neuseeland, in einem anderen wissenschaftlichen Journal die Bedeutung von Milcherzeugnissen für einen gesunden Stoffwechsel hervor2: Der Verzehr von Milcherzeugnissen sei mit einer verminderten Häufigkeit von Erkrankungen wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und erhöhtem Blutzuckerspiegel verbunden. Zudem könnten  Milcherzeugnisse im Rahmen einer Diät dabei helfen, Diabetes mellitus Typ 2 zu verhindern.

Was bedeutet das für den verunsicherten Konsumenten?

Die Wahrheit dürfte wie so oft in der Mitte liegen. So könnten sich Milchprodukte bei Stoffwechselkrankheiten günstig, bei durch den Proteinkomplex beeinflussten Krankheiten ungünstig auswirken. Bis sich die Wissenschaft aber schlussendlich auf eine verbindliche Aussage einigt, wird es wohl noch dauern. Bis dahin kann man sich an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) halten. Demnach ist Muttermilch (oder spezielle Säuglings- bzw. Pre-Milch) für den Säugling in den ersten zwölf Monaten die beste Nahrung. Die DGE empfiehlt, normale Trinkmilch, also Kuhmilch,  im ersten Lebensjahr besser nicht zu geben3

Laut DGE können Kleinkinder ab dem zweiten Lebensjahr  rund 300 Milliliter Trinkmilch täglich zu sich nehmen, wobei die übrige Nahrung möglichst vielfältig und abwechslungsreich sein sollte. Für Heranwachsende zwischen 13 und 19 Jahren werden  400 bis 500 Milliliter Milch pro Tag empfohlen. Erwachsene kommen mit täglich 200 bis 250 Milliliter fettarmer Milch oder Milchprodukten (z.B. Joghurt) aus. Dazu sind 50 bis 60 Gramm Käse pro Tag „erlaubt“4.

[1] Melnik BC, John SM, Schmitz G (2013) Milk is not just food but most likely a genetic transfection system activating mTORC1 signaling for postnatal growth. Nutrition Journal 12: 103. www.nutritionj.com/content/12/1/103
[2]McGregor RA, Poppitt SD (2013) Milk protein for improved metabolic health: a review of the evidence. Nutrition & Metabolism 10: 46. www.nutritionandmetabolism.com/content/10/1/46
[3] DGE (2008) Milch für die Säuglingsernährung. DGEInfo 9. www.dge.de/modules.php?name=News&file=article&sid=872
[4] DGE (2013) DGE-Ernährungskreis. Ihr Wegweiser für eine vollwertige Lebensmittelauswahl. www.dge.de/modules.php?name=Content&pa=showpage&pid=25